Arbeiten die Deutschen zu wenig?

Warum Work-Life-Balance und Engagement kein Widerspruch sind
Frau im Schneidersitz auf dem Tisch

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Dr. Karsten Schulte-Deußen

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Im internationalen Vergleich arbeiten Menschen in Deutschland wenig: Deutschland liegt in der EU bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit auf dem viertletzten Platz. Die Produktivität am Arbeitsplatz liegt laut EU-Kommission nur knapp über dem EU-Durchschnitt. Und vom vor einigen Jahren in China propagierten 9-9-6-Modell – also an sechs Wochentagen von neun bis 21 Uhr arbeiten – ist eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 33,2 Wochenstunden natürlich weit entfernt. Entsprechende Statistiken werfen Fragen auf: Sind entsprechende Arbeitszeiten Ausdruck einer unzureichenden Arbeitsmoral? Sind die Deutschen zu bequem geworden? Ist Work-Life Balance wichtiger als Leistung? Ist womöglich sogar unser Wohlstand gefährdet, weil wir zu wenig und nicht mit dem notwendigen Engagement arbeiten?

Hohe Produktivität und angemessene Work-Life-Balance bei sehr guten Arbeitgebern

Ein Blick in die Daten von Great Place To Work® kommt zu dem paradoxen Ergebnis, dass Produktivität am Arbeitsplatz und Work-Life-Balance kein Widerspruch sind. Maßgeblich sind hier Ergebnisse aus vertraulichen Mitarbeiterbefragungen, die Great Place To Work® jedes Jahr bei mehr als 1.000 Unternehmen in Deutschland durchführt. Mitarbeitende von Unternehmen, die von Great Place To Work® als sehr guter Arbeitgeber zertifiziert, wurden bzw. die zu den 100 von Great Place To Work® ausgezeichneten “Deutschlands Beste Arbeitgebern” zählen, schätzen sowohl die Work-Life-Balance als auch das Engagement der Kolleginnen und Kollegen sehr positiv ein. Entsprechende Bewertungen liegen klar über den Bewertungen für alle Unternehmen in Deutschland insgesamt.

Das folgende Diagramm zeigt die Bewertungen von zwei Merkmalen aus der Great Place To Work® Mitarbeiterbefragung: Bei den 100 “Deutschlands Beste Arbeitgebern 2025” stimmen 86 % der Aussage zum Engagement und rund vier von fünf (82 %) der Aussage zur Work-Life-Balance zu. Für deutsche Unternehmen insgesamt fallen die Bewertungen mit 58% bzw. 47 % deutlich zurückhaltender aus.

Diagramm Arbeiten die Deutschen mit zu wenig Engagement

Gute Arbeitgeber setzen auf flexible Arbeitsmodelle

Weitere Daten von Great Place To Work® weisen ebenfalls darauf hin, dass für sehr gute Arbeitgeber Work-Life-Balance und Produktivität am Arbeitsplatz zwei Seiten derselben Medaille sind. Im Rahmen eines Kultur Audits bewertet Great Place To Work® die Maßnahmen und Programme, die Unternehmen auflegen, um eine sehr gute Arbeitsplatzkultur aufzulegen.

Es zeigt sich: “Deutschlands Beste Arbeitgeber” bemühen sich aktiv um Work-Life-Balance Themen: Sie haben beispielsweise die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden im Blick und unterstützen diese mit Angeboten der betrieblichen Gesundheitsförderung. Das Thema Familie und Beruf spielt eine große Rolle. Hier sind Angebote von Teilzeit genauso wichtig wie Remote Work oder die aktive Förderung der beruflichen Entwicklung von Frauen – bzw. generell Menschen mit Care-Aufgaben in der Familie. Eine pauschale Vier-Tage-Woche ist auch für sehr gute Arbeitgeber keine Best Practice, sehr wohl machen aber einzelne Unternehmen entsprechende Angebote.

Es geht nicht nur um Angebote - eine Vertrauenskultur macht den Unterschied

Haben sehr gute Arbeitgeber also in erster Linie besondere Angebote mit einem hohen Wohlfühlfaktor? Mitnichten! Die Daten von Great Place To Work® zeigen, dass vor allem das Thema Vertrauen den Unterschied macht, wenn es darum geht, Engagement zu fördern. Und Vertrauen hat viel zu tun mit sehr guten Führungskräften, die unter anderem Erwartungen an die Leistung klar und deutlich machen sowie für möglichst reibungsfreie Prozesse sorgen.

Andere Aspekte, die einen Great Place to Work ausmachen und das Engagement von Mitarbeitenden verstärken, sind Respekt und Fairness, die Mitarbeitende erleben; Möglichkeiten, sich mit der eigenen Arbeit und dem Unternehmen zu identifizieren; sowie ein starker Teamgeist, der auch über Abteilungs- und Bereichsgrenzen hinweg spürbar ist.

Der Blick ausschließlich auf Arbeitszeiten im internationalen Vergleich ist zu einseitig

Die Beispiele aus dem Great Place To Work® Kontext zeigen, dass Unternehmen einiges für produktive Arbeitsbedingungen und Engagement tun können. Sie zeigen auch, dass dies nicht per se durch eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit für alle geschieht. Flexible Arbeitsmodelle sind hier unabdingbar und fördern vor allem die berufliche Entwicklung von Frauen. Welche Unternehmen besonders gute Arbeitgeber für Frauen sind, sehen Sie hier.

Aber natürlich bleibt die spannende Frage, wie Menschen dazu motiviert werden, mehr zu arbeiten. In Zeiten des Fachkräftemangels und des unmittelbar bevorstehenden Renteneintritts der Boomer-Generation hat dieses Thema eine hohe Relevanz. Wie die Beispiele aus dem Great Place To Work® Kontext zeigen, geht es aber nicht per se darum, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit zu steigern. Wichtig ist es, mehr Möglichkeiten der Erwerbsbeteiligung von Frauen zu schaffen und gleichzeitig Bedingungen zu schaffen, dass ältere Mitarbeitende länger im Beruf bleiben.

Hier sind einerseits Anreizstrukturen zu hinterfragen – etwa beim Ehegattensplitting, beim progressiven Einkommensteuertarifen für kleine und mittlere Einkommen, im Rentensystem oder beim Angebot von Kinderbetreuung.

Und natürlich sollte auch die Motivation jedes Einzelnen, mehr zu arbeiten, in den Blick genommen werden. In einer postmaterialistischen Gesellschaft und vor allem in Bezug auf ältere Menschen, die länger im Berufsleben verweilen sollen, wird dies nicht nur die Aussicht auf „mein Haus, mein Boot, mein Auto“ sein.

Wie schaffen es Top-Arbeitgeber, Produktivität, Vertrauen und Work-Life-Balance in Einklang zu bringen?

Der Report Deutschlands Beste Arbeitgeber 2025 zeigt, wie flexible Arbeitsmodelle wie Remote Work zur starken Unternehmenskultur beitragen – mit Daten, Praxisbeispielen und Inspiration für die Zukunft der Arbeit.

Beste Arbeitgeber für Frauen

Welche Unternehmen halten ihre Versprechen gegenüber Frauen?
Ab dem 05. August 2025 veröffentlicht Great Place To Work® die Liste der
Besten Arbeitgeber für Frauen 2025.

Hier finden Frauen echte Bedingungen, die zählen:

  • Flexible Arbeitszeiten
  • Faire Chancen zur Entwicklung
  • Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben
  • Wertschätzung im Alltag

Die Auszeichnung basiert auf den Erfahrungen der Mitarbeiterinnen und zeigt, wo Gleichstellung gelebt wird.

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